Home | Search  


 

December 05 , 2008

 

Wenn das dorf nicht zur uni kommt, kommt die uni ins dorf

Junge Frauen und Männer sitzen in kleinen Gruppen im Schatten von Bäumen; sie diskutieren, lachen, oder erklären sich, über Ordner und Bücher gebeugt, gegenseitig den Stoff ihrer letzten Vorlesungen. So wie auf jedem anderen Campus auch, eigentlich. Nur dass es auf dem Hof der Pflegeschule von Qubeibe nicht ein paar hundert, sondern ungefähr fünfzehn Studenten sind, die gerade darauf warten, dass ihr Dozent sie zur nächsten Vorlesung in die Unterrichtsräume bittet.
Insgesamt gibt es 32 von ihnen, darunter 15 Studentinnen, die hier in Qubeibe, ca. 40 Minuten entfernt von Ramallah, an ihrer kleinen Universität im ersten beziehungsweise dritten Semester Pflege studieren. Damit hat sich ihre Zahl immerhin schon verdoppelt, seit die Universität Bethlehem vor etwas mehr als einem Jahr diese Außenstelle ihrer Fakultät für Pflege und Gesundheitswissenschaften eröffnet hat.

Die Tatsache, dass die Uni ins Dorf gekommen ist, ist für ihre Studenten hier, die größtenteils aus Qubeibe selber oder den umliegenden Dörfern kommen, extrem wichtig. „Die Fahrt zur Universität nach Bethlehem oder Ramallah würde mich wegen der Checkpoints jeden Tag Stunden kosten. Mit meiner palästinensischen ID ist mir der Zutritt nach Jerusalem verboten. Und abgesehen davon könnte ich mir die Transportkosten auf Dauer nicht leisten.“, sagt  Atef Murrar aus Beit Doqqo, einem Dorf nahe Qubeibe. Für die meisten Studentinnen wäre ein Studium sogar schlichtweg undenkbar, würde sich die Pflegeschule nicht vor ihrer Haustür befinden. Viele Familien können sich nämlich nicht vorstellen, ihre Töchter in einer fremden Stadt studieren oder sogar alleine wohnen zu lassen. Khawla Durgham aus Qattana, einem Nachbardorf von Qubeibe, freut sich da über ihren Studienplatz: „In jeder Vorlesung lernen wir etwas neues, viel mehr als in der Schule. Meine Eltern sind sehr stolz auf mich“, sagt sie mit einem Lächeln.

Aber nicht alle Studenten kommen aus der direkten Umgebung. Drei von ihnen sind für ihr Studium vom nördlichen Rand des Westjordanlandes nach Qubeibe gezogen: Kadri und sein Cousin Hani Kittanah aus Tulkarem und Ibrahim Bisharat aus Jenin.

Zwar gibt es auch an der Universität von Nablus, der größten Stadt im Norden, einen Studiengang in Pflege. „Aber wir könnten dort nicht studieren. Unsere Familien können sich die Studiengebühren nicht leisten. Hier dagegen bekommen wir finanzielle Unterstützung und dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Kadri. „Und natürlich tun wir auch etwas dafür“ fügt Ibrahim hinzu und zeigt auf seine mit weißen Farbspritzern gesprenkelte Hose. Jede Woche packen die Studenten einen Tag lang bei der Arbeit im Park und den Gärten um das Pflegeheim der Salvatorianerschwestern in Qubeibe mit an. „Heute haben wir gestrichen.“, erklärt er.
 
Geleitet wird die Pflegeschule von Salam El Issa, die fünfzehn Jahre lang Pflege an der Universität Bethlehem unterrichtet hat. Die Mutter von drei Kindern freut sich über ihre Studenten: „Es ist wirklich mehr als zufrieden stellend, zu beobachten, wie positiv sich unsere Studenten entwickeln. Das kann man besonders an denen aus dem dritten Semester sehen“, lobt sie. Aus den Jungen und Mädchen, die mit teilweise sehr dürftiger Vorbildung ihr Studium begonnen hätten, seien „selbstbewusste junge Frauen und Männer“ geworden. „Ich bin immer wieder beeindruckt von der Begeisterung und der Disziplin, mit der sie an ihr Studium herangehen.“

Die Studentin Wala` Hoisha aus Qubeibe erzählt von dem Einführungskurs, den sie gerade zusammen mit den anderen Erstsemestern belegt: „Im Moment nehmen wir die Geschichte der Medizin und der Krankenpflege durch. Besonders interessant fand ich, etwas über die Medizin im alten Ägypten zu lernen. Und Florence Nightingale, die Pionierin der modernen Krankenpflege, hat mich sehr beeindruckt. Ich finde es einfach so spannend, dass wir zusätzlich zu dem, was wir an praktischen Fähigkeiten beigebracht bekommen, auch lernen, wie es sich über die Jahrtausende hinweg entwickelt hat.“

In der Hand hält Wala` einen englischsprachigen Roman. Alle Studenten besuchen Intensivkurse in Englisch, da sie die Sprache bis zur Universität oft nur unzureichend beherrschen. Usama Zahran, der Verwaltungsassistent der Schule, erzählt stolz: „Während des Sommersemesters gab ein amerikanischer Dozent hier einen Kurs in Anatomie. Obwohl der gesamte Unterricht auf Englisch gehalten wurde, hatten die Studenten keine Schwierigkeiten, alles zu verstehen.“ Am Ende des Kurses erreichten acht von fünfzehn Studenten Grade A, die bestmögliche Note.

„Eines der Geheimnisse des Erfolgs, den unsere Studenten haben, ist eben die Tatsache, dass die Schule so klein und familiär ist. Die Dozenten entwickeln automatisch eine persönliche Beziehung zu jedem der Studentinnen und Studenten. Jeder kann und muss sich einbringen.“, so Zahran. Student Hani Kittanah stimmt zu: „Es ist gut, dass es eine so kleine Schule ist. So kann der Dozent auf jeden individuell eingehen.“

In der Gegend nördlich von Jerusalem, in der Qubeibe liegt, herrscht, so wie im ganzen Westjordanland, ein immenser Bedarf an Pflegekräften. Neue Krankenhäuser sind in Planung, während es schon jetzt in den Vorhandenen ein Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften gibt. Deshalb sollen aus den jetzt 32 Studenten im Laufe der kommenden Jahre 100 bis 120 werden. Schon heute kann Student Atef Murrar entspannt in seine Zukunft blicken: „Im Gegensatz zu vielen meiner Altersgenossen brauche ich mir mit der Ausbildung, die ich in Qubeibe erhalte, keine Sorgen um meine berufliche Zukunft machen. Ich weiß, dass der Pflegeberuf seine anstrengenden und stressigen Seiten hat, aber das ist es mir wert. Denn man bekommt sehr, sehr viel dafür zurück. Ich freue mich darauf, für die Gesundheit meiner Mitmenschen zu sorgen.“

 

 

Home | About BU | Academic Programs | Centers | International Students | News & Events
Student Life | Alumni | Faculty and staff | Support BU | Contact Us | Archived Articles

Top Of Page
Bethlehem University - Palestine © 2006